02.05.2017

Ein Rückblick und ein Einblick

Wir leben in einer globalisierten Welt und erleben internationale Migration und Zuwanderung. Wenn wir über Integration sprechen, sprechen wir oft auch über das Anerkennen der jeweiligen Werte. Sind Werte denn aber „erklärbar“ und von anderen Kulturen zu übernehmen und „lernbar“? Diese Themen haben wir am 27. April in unserem Werte-Workshop diskutiert und geben Ihnen hier einen kurzen Einblick.

In unserem Workshop am 27. April haben wir die Frage gestellt „Werte – überall gleich?“ Im Mittelpunkt stand also die Frage, ob Werte etwas Universelles sind oder eher kulturspezifisch. Und die Antwort lautet „sowohl als auch“!

Mit einem Teilnehmerkreis dem gemein war, dass sich alle in einem internationalen und interkulturellen Umfeld bewegen und dass einige sich sehr intensiv mit dem Thema Integration beschäftigen, haben wir den Einstieg über die Beschreibung eines Bildes gefunden. Dabei wurde ersichtlich, dass wir alle meist sofort in die Interpretation geraten und somit auch „werten“, sprich hier können unsere Werte herausgehört werden. Gleich in die Interpretation einzusteigen ist völlig normal und hat damit zu tun, dass wir eine äußerst komplexe Umwelt damit auf Bekanntes reduzieren. Dieses hat wiederrum zur Folge, dass die Interpretation interkulturellen Kontext sehr oft zu unpassenden oder falschen Rückschlüssen führt. Warum ist das so?

Eines der bekanntesten Modelle von Kultur ist das Eisbergmodell. Dieses besagt, dass etwa ein Drittel der Kultur sichtbar ist – unsere Architektur, unsere Kleidung, die Farben, Symbole wie die Flagge oder Wappen. Das heißt aber auch, dass zwei Drittel unsichtbar sind – und unsichtbar sind Einstellungen, unsere Werte und Normen. Einstellungen sind zum Beispiel unser Hierarchieverständnis, unser Verständnis von Wahrheit oder auch von Krankheit. Sind wir nun in einer fremden Umgebung, sehen wir zwar, dass sich Dinge unterscheiden, wir interpretieren Verhalten aber nach wie vor mit den bekannten Mustern aus den Tiefen des Eisbergs.

Aber was sind Werte eigentlich? Diese Frage konnte uns unser Kooperationspartner Martin Priebe kurz und knackig beantworten: „Werte sind teilrationale Bausteine unseres Auto-Piloten.“ (Tilman Kugler)

Werte spiegeln unsere innere Überzeugung wieder, geben Halt und Orientierung und machen Sinn – immer jeweils auf eine bestimmte Gruppe oder eben auch auf eine bestimmte Kultur bezogen. Werte verändern sich – langsam zwar, aber eine Gesellschaft handelt diese immer wieder neu aus. Werte sind nicht – wie zum Beispiel unsere Verhaltensweisen – kontextgebunden.

Und hier waren wir schon tief in der Diskussion, wie Integration gelingen kann. Unsere Werte sind unter anderem in unseren Gesetzen eingeflossen – reicht es also, wenn Ausländer das Grundgesetz kennen? Es ist sicher hilfreich – nur ohne eine aktive Auseinandersetzung mit den dahinterliegenden Werten nur schwer verständlich.

Hier mag das zweite Kulturmodell nützlich sein: Das Zwiebelmodell nach Geert Hofstede.

Dieses besagt, dass Kultur in Schichten aufgebaut ist. Ganz außen liegt die Schicht der "Symbole" Dies sind Bilder, Worte, Gegenstände mit einer positiven Bedeutung für diese Kultur. Als Beispiel für Deutschland seien das Brandenburger Tor oder der Bundesadler genannt.
Darunter liegt die Schicht der „Helden“ oder „Vorbilder" – gemeint sind Personen mit besonders wertgeschätzten Eigenschaften, die also somit als Vorbilder dienen. Das können Sportler, Politiker oder Schauspieler sein.
Noch etwas tiefer folgt die Schicht der „Rituale“. Das sind kollektive Tätigkeiten, die in bestimmten Situationen ablaufen – das können Begrüßungsrituale sein, das Begehen bestimmter Feiertage oder Gesprächsroutinen.
Und im Innern der Zwiebel finden wir die Schicht der „Werte“ – hier liegt der „rote Faden“ der jeweiligen Kultur, der Orientierung gibt.

Das Modell sagt auch, dass sich die äußeren Schichten verändern – hier gibt es durchaus Unterschiede zwischen den Generationen. Vorbilder sind oft zeitabhängig oder kontextabhängig – mal kann es Udo Lindenberg sein, dann mal wieder Goethe! Was aber relativ stabil über Generationen hinweg konstant bleibt, sind die Werte.

Zurück zum Thema Integration bedeutet dies, dass wir über Werte sprechen müssen, sie erklären müssen, ihnen Bedeutung geben. Wir müssen erklären, welche Werte für unsere Gesellschaft nicht verhandelbar sind und vor allem, warum das so ist. Und wir müssen manche Werte in einer immer vielfältigeren und multikulturelleren Welt immer wieder neu aushandeln und von „den Anderen“ neue, andere Werte dazu lernen.

Eine weitere Erkenntnis war, dass es sich lohnen kann, die „Kulturzwiebel“ auch mal auf die eigene Organisation zu legen und zu hinterfragen, welche Symbole sind uns wichtig und für welche Werte sind sie sichtbarer Ausdruck? Wir können uns vorstellen, diese Themen in einem weiteren Workshop zu vertiefen oder jederzeit gerne in Ihrem Unternehmen oder Ihrer Organisation zu diskutieren und zu bearbeiten.

Elke Müller & Martin Priebe

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