15.11.2019

Wie ein Fluss im Meer aufgeht – indische Bestattungskultur Teil 2

Im zweiten Teil unseres Blogs zur Bestattungskultur in Indien erfahren Sie, wie mit der Trauer umgegangen wird und welche Rituale gepflegt werden. Wie wir in unserem Blog zur Bestattungskultur in Ägypten erfahren haben, sind Feuerbestattungen im Islam prinzipiell nicht erlaubt: aus Respekt für die Schöpfung Gottes, die der Mensch nicht zerstören darf. Genau anders ist es in Indien! Hier ist die Feuerbestattung ein Muss!

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Der Tag der Kremation

Der Platz an dem die Kremation stattfindet wird von Priestern rituell von bösen Geistern gereinigt, mit Segen und heiligem Wasser. Bei einer Einäscherung versammelt sich fast das ganze Dorf auf dem zentralen Platz, um dabei zu sein. In den Städten sind bei Einäscherungen oft nur die engsten Familienangehörigen dabei. Das aufgeschichtete Holz wird mit Butterschmalz, dem Ghee, übergossen. So sorgt man dafür, dass die Äste besser brennen. Das Feuer müssen der Ehemann und der älteste Sohn entzünden, Frauen dürfen dies nicht tun. Das hat mit der Aufgabenteilung der Götter zu tun. Der männliche Gott Shiva ist für Tod und Wiedergeburt verantwortlich. Shiva begleitet den Prozess der Zerstörung und bringt den letztendlich Toten in das Nirwana.

Pareh Patel berichtet: „Mein Großvater und Vater zündeten den Scheiterhaufen an fünf Punkten an, beginnend am Kopf. Es gibt bei diesen Kremationen meist einen Moment, in dem sich der Körper im Feuer aufrichtet. In diesem Moment öffnen der Ehemann und der Sohn den Kopf mit einem sehr langen, spitzen Gegenstand. So wird ‚Jiva‘ freigesetzt, die dem Verstorbenen innewohnende Seele. Es ist zwar ein schwieriger Moment, aber kaum jemand dreht sich weg, denn Körperlichkeit wird anders verstanden. Der Tod hat etwas Alltägliches, fast Banales an sich. Auch die Grenzen des Ekels verlaufen anders. Die Vergänglichkeit des Körpers, des Lebens ist in Indien eine präsente Wahrheit. Der Tod ist allgegenwärtig. Auch das Altern spielt eine andere Rolle. Jugend wird nicht so sehr verehrt wie bei uns, die Weisheit der Alten wird geschätzt.“

Das indische Gesellschaftssystem mit den Kasten spielt auch bei Bestattungen noch immer eine große eine Rolle. Nicht jede Kaste hat ihren eigenen Bestatter, unterschiedliche Aufgaben sind entlang der Kasten organisiert. Ein Brahmane, ein Angehöriger der obersten Kaste, übernimmt das Lesen der Veden, ein Priester von einer niedrigeren Kaste räumt die Überreste des Verstorbenen zusammen.

Kann die Asche nicht gleich einem Fluss übergeben werden, nimmt man sie in einer Urne mit nach Hause und stellt sie dort auf den Hausaltar. Anschließend wird von den Familienpriestern aus den Veden in der alten Sprache Sanskrit gelesen, 24 Stunden lang, an sieben Tagen. In dieser Zeit kommen viele Freunde und Verwandte zu trauernden Familien, wobei die Besucher in gedeckten, dunklen Farben kommen und die Familie weiterhin weiß trägt. Man serviert die Lieblingsspeisen der Verstorbenen und stellt auch für sie eine Schale auf dem Hausaltar bereit.

Friedhöfe gibt es in Indien für die Hindus nicht. Denn die Asche soll eigentlich in einem fließenden Gewässer beigesetzt werden, am besten im Ganges. Flüsse sind wichtige Orte für die Bestattung. Jeder Fluss mündet in das Meer oder in einen größeren Fluss, der dann ins Meer mündet. Das Meer steht für die Unendlichkeit, für die Hoffnung auf das Nirwana. Dieses Konzept der Mündung ist sehr wichtig. Das fließende Wasser ist auch ein Symbol für die Erhaltung des Seelenflusses und Energieflusses. Man darf die Asche eines Toten nicht in stillstehenden Gewässern wie einem Baggersee verstreuen. Dann schon lieber direkt in der Erde.

Traditionen ändern sich

Traditionelle öffentliche Einäscherungen wie die von Paresh Patels Großmutter werden immer seltener. Teilweise, weil das Holz zu teuer und schwer zu beschaffen ist und weil es vor allem in den Großstädten nicht genug Plätze für so eine öffentliche Einäscherung gibt. Auch die Umweltbelastung durch die öffentlichen Verbrennungen ist ein Problem, denn Indien ist das Land mit der höchsten Bevölkerungsdichte. Es gibt dort nun mehr und mehr Krematorien, ähnlich wie bei uns, die Öfen und Rußpartikelfilter haben. Indische Krematorien haben oft zehn Öfen in einer großen Halle. Dann versammeln sich die Angehörigen zur Einäscherung direkt vor dem Ofen.

„Energie kann nie erschaffen oder zerstört werden“, zitiert Patel den Energie-Erhaltungssatz. „Wasser an sich ist ein Symbol des Lebens und auch ein Symbol der Zerstörung – das liegt an den Erfahrungen der Inder mit dem Monsun. Ziel aller Leben ist nicht, immer wieder und wieder geboren zu werden. Ziel ist es, den Kreislauf zu durchbrechen, den Zustand des Nirwanas zu erlangen und ganz im Urgrund des Seins Brahman aufzugehen. So wie ein Fluss im Meer aufgeht.“

Wenn Sie noch mehr über Indien erfahren wollen: Am 03. Dezember entführt Paresh Patel für 3 Stunden – Details finden Sie hier: Pretzels & Cultures

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