Die deutschen Kolleg*innen interessieren sich ja nicht wirklich für uns
21.04.2022

Die deutschen Kolleg*innen interessieren sich ja nicht wirklich für uns

Shutterstock.com | PHOTOCREO Michal Bednarek

Wie es Praatek und Estrella in den ersten Wochen ergangen ist

Vor einigen Wochen habe ich Ihnen Estrella und Prateek vorgestellt. Inzwischen haben die beiden vor gut drei Wochen ihre neuen Jobs bei der Solutions for Business AG angetreten. Estrella hat eine Stelle als Backend Developerin erhalten und Praatek hat im gleichen Projektteam als Software Ingenieur begonnen. Noch ist alles neu und spannend, zum Teil aber auch sehr unklar und frustrierend. Vor welchen Herausforderungen die beiden die letzten Wochen standen, möchte ich Ihnen gerne in diesem Blog erzählen.

Die Problematik der Einreise

Von der Zusage für den neuen Job bis Prateek endlich nach Deutschland einreisen durfte, sind sieben Wochen vergangen. Es war sehr aufwändig, alle notwendigen Papiere für den Visumsantrag beim deutschen Konsulat zusammenzustellen bzw. überhaupt einen Termin zu bekommen. Prateek bedauert, dass seine deutsche Ansprechpartnerin Tanja ihm dabei keine große Hilfe gewesen war. Es hat oft recht lange gedauert, bis sie ihm die benötigten Dokumente zugesandt hat. Stets hatte er das Gefühl, sie zu stören, wenn er mit Fragen an sie herantrat.

Der deutsche Wohnungsmarkt – eine Spezies für sich

Prateeks Arbeitgeber hat ihm für die ersten beiden Monate ein kleines Apartment gebucht, von dem aus er mit den öffentlichen Verkehrsmitteln in einer halben Stunde im Büro ist. Die extrem teure Miete von fast € 1.100,- muss er selbst tragen. Gut ist, dass auch Estrella im gleichen Apartmenthaus untergebracht ist. So kann er sich mit ihr austauschen und sie versuchen gemeinsam, viele aufkommende Fragen zu klären.

Schwierig ist es, neben der Arbeit eine günstigere Wohnung zu finden. Sie suchen über die ihnen genannten Immobilienportale und schreiben viele Mails an die Vermieter. Meistens kommt aber keine Antwort und wenn, dann sind viele der Wohnungen einfach zu teuer. Estrella möchte ihre Familie in Madrid unterstützen. Prateek wünscht sich, dass seine Familie nachkommen kann. Zudem braucht er Geld für die Finanzierung einer guten Unterbringung für seinen behinderten Bruder. Er fragt beim Mittagessen einen Kollegen, wie man am besten eine Wohnung findet und wer ihn unterstützen könnte. Die Antwort ist frustrierend: „Oh je, Wohnungen sind knapp, da sucht man schon mal ein paar Monate. Aber du kannst ja einen Makler beauftragen, dann geht es manchmal etwas schneller.“

Bürokratische Hürden

Estrella wurde in der ersten Woche von Tanja gefragt, ob sie ihre Steuernummer beantragt habe. Diese würde für die anstehende Gehaltsabrechnung benötigt. Ob sie sich denn noch nicht angemeldet habe? Überrumpelt und perplex recherchierte Estrella und stellte fest, dass sie sich bei einem sogenannten Bürgerbüro anmelden musste und dazu einen Termin vereinbaren sollte. Den Termin hat sie dann gemeinsam mit Prateek wahrgenommen. Die Ansprechpartnerin dort war allerdings sehr unfreundlich, weil sie zu zweit gekommen waren und Praatek nicht alle notwendigen Dokumente dabeihatte. Überhaupt finden beide, dass hier in Deutschland viele recht unfreundlich sind und einem kaum etwas erklären. Auch hätten die Kollegen helfen können! Aber die verschwinden einfach zum Feierabend mit einem kurzen „have a nice evening“.

Höfliches Desinteresse

Schon am ersten Arbeitstag fiel beiden auf, dass sich irgendwie niemand so richtig für sie interessierte. Es gab eine kleine Teambesprechung, bei der sich alle kurz mit dem Namen vorstellten und dann ausführlich über die jeweiligen Aufgaben und den aktuellen Projektstatus sprachen. Zwar konnten Praatek und Estrella über sich und ihre Familien erzählen und warum sie sich freuten, hier zu sein, aber das war es auch schon. Ihr Chef, Achim Häberle ist sehr freundlich und nimmt sich Zeit, ihnen berufliche Themen zu erklären. Erste Aufgaben im Projekt konnten sie schon übernehmen und der Job macht Spaß. Aber er hat bis jetzt noch nicht ein einziges Mal nach der Familie gefragt oder sich Zeit für persönliche Themen genommen. Komisch ist auch, dass er zwar Arbeitsaufträge bespricht, dann aber mehrere Tage nicht nachfragt, wie es denn läuft. So ist sich vor allem Prateek manchmal gar nicht sicher, ob er alles richtig macht.

Die Sprache – die größte Herausforderung

Und natürlich ist die Kommunikation sehr anstrengend. Beide bekommen einen individuellen Sprachkurs, aber der ist während der Arbeitszeit und so müssen sie einige Termine immer wieder verschieben, weil gleichzeitig Projektbesprechungen stattfinden. Und die deutschen Kolleg*innen geben sich nicht die Mühe immer Englisch zu sprechen, so dass sie sich ausgeschlossen fühlen. Und dann diese Unfreundlichkeit! Kaum jemand macht Small Talk, immer geht es nur um fachliche Themen. Und dann widersprechen sie auch noch dem Chef oder diskutieren Entscheidungen!

Das traurige Fazit nach den ersten Wochen …

Prateek ist nach den ersten Wochen frustriert und fängt an, seinen Entschluss, nach Deutschland zu kommen, zu hinterfragen. Er vermisst seine Familie und findet, dass er baldmöglichst mehr Geld verdienen muss, um alle Verpflichtungen erfüllen zu können. Estrella fühlt sich sehr einsam, da die deutschen Kolleg*innen offensichtlich nie etwas gemeinsam unternehmen und nur sehr wenig über Persönliches reden. Wie soll sie denn hier Freunde finden?

Leider sind diese Erfahrungen kein Einzelfall. Um Unternehmen auf die bevorstehenden Herausforderungen vorzubereiten, habe ich zusammen mit weiteren Experten eine Workshopreihe ins Leben gerufen. Besonders empfehle ich unseren Workshop am 12. Juli hinsichtlich der Willkommenskultur https://www.compass-international.de/come-here-stay-die-workshop-reihe-rund-um-interkulturelles-onboarding/. Wir freuen uns auf Sie.

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