Der unterschätzte Erfolgsfaktor
Warum echte Integration so viel wertvoller ist als die Assimilation internationaler Mitarbeitenden
Ich erinnere mich gut an ein Training, das ich vor einiger Zeit bei einem mittelständischen Unternehmen gegeben habe. Nach einer intensiven Diskussion über kulturelle Unterschiede sagte eine Führungskraft in aller Offenheit: „Unsere internationalen Mitarbeitenden sind gut, aber oft anstrengend, weil sie unglaubliche Fragen zu allem und jedem stellen. Dabei müssen sie halt einfach nur verstehen, wie wir hier ticken.“
Dieser Satz war nicht böse gemeint. Er war ehrlich. Und genau deshalb so wertvoll. Er zeigte, wie tief der Wunsch nach Ordnung, Eindeutigkeit und Kontrolle in vielen Organisationen verankert ist. Das Problem ist nur: Mit dieser Haltung verschenken sie handfeste Zukunftspotenziale ihrer Firma.
Unternehmen als Mikrokosmos unserer Gesellschaft
Unternehmen sind keine Inseln, sondern Abbilder der Gesellschaft. Sie spiegeln sowohl die Spannungen als auch die Chancen und Dynamiken im Kleinen wider. Und genauso wie Integration internationaler Mitbürger im gesellschaftlichen Leben nur im Miteinander funktioniert, braucht sie auch im Unternehmen Bewegung auf beiden Seiten.
In vielen Kontexten reden wir vollmundig über „Integration“. Häufig meinen wir damit tatsächlich Anpassung oder „Assimilation“. Wir sagen: „Komm, sei willkommen. Aber verhalte dich bitte so, dass du uns nicht irritierst.“ Das bedeutet konkret: „Sprich so wie wir. Feiere die Feiertage, die wir feiern. Versteck, was an dir „anders“ ist.“ Kurz gesagt: „Mach dich unsichtbar, damit wir uns wohlfühlen.“
So bleibt die Machtverteilung unangetastet. Die „Mehrheitsgesellschaft“ behält sich das Definitionsrecht vor. Sie definiert, was normal und richtig ist. Indem sie Assimilation fordert, verspricht sie sich Ordnung. Das klingt nach Harmonie und Klarheit, nach: „So machen wir das hier (schon immer).“
Bei solchen Sätzen kommt mir oft der Gedanke: „Klar könnten sie sich einfach anpassen. Aber was wäre das für eine Gesellschaft oder eine Organisation, in der nur Platz für Kopien ist? Sind wir uns bewusst, dass diese Haltung in einer globalen und dynamischen Welt Stillstand bedeutet?
Der wirkungsvollere Weg der Integration
Wirkliche Integration funktioniert jedoch nicht über Kontrolle und „Gleichschaltung“. Sie funktioniert vielmehr über Dialog und die gemeinsame Bereitschaft zur Veränderung. Integration bedeutet also ganz und gar nicht, dass alle gleich ticken. Sondern, dass alle wissen, wie man miteinander in Bewegung bleibt, ohne dass jemand auf der Strecke bleibt. Gelebte Integration fordert die „Definitionsmacht“ derjenigen heraus, die Assimilation wollen. Ihr liegt die Haltung zugrunde: „Auch wir, die schon hier sind, müssen uns bewegen. Wir sitzen gemeinsam an einem Tisch, gestalten Regeln neu und nehmen ernst, dass wir verschieden sind.“
Und das fühlt sich für viele bedrohlich an. Denn wer bisher die vermeintlich alleinige Macht hatte, erlebt Gleichberechtigung zuerst einmal als Verlust. Eine positive Haltung zur Integration ist laut, widersprüchlich und manchmal nervt sie auch, weil es anstrengend ist. Integration braucht Geduld, Fehler, Konflikte und Mut und kann chaotisch, widersprüchlich und emotional sein.
Es geht darum, zuzuhören, auch wenn uns das Gesagte irritiert, Macht zu teilen, auch wenn wir es nicht gewohnt sind und Strukturen zu ändern, auch wenn sie uns bisher gedient haben. Integration ist gelebte Demokratie im Alltag und ein ständiges Üben von Aushandlung, Gleichwertigkeit und Respekt. Menschen, die mitreden dürfen, fühlen sich verantwortlich. Menschen, die gehört werden, übernehmen Verantwortung und Menschen, die mitgestalten, entwickeln Loyalität.
Integration ist also niemals ein Projekt für „die anderen“, sondern sie ist ein Spiegel unserer eigenen Demokratiekompetenz. Und genau das gilt auch innerhalb von Unternehmen.
Gelungene Integration macht Unternehmen zukunftsfähig
Ja, Integration ist sehr viel mühsamer als einfach nur Assimilation einzufordern. Aber sie ist menschlicher, gerechter, nachhaltiger und zukunftsweisender. Die erfolgreiche Integration internationaler Mitarbeitender ist kein „nice to have“, sondern ein zentraler Bestandteil moderner Organisationskultur. Denn das Ziel der Integration ist, die Potenziale internationaler Mitarbeitenden genauso zum Tragen kommen zu lassen wie die der nationalen Mitarbeitenden.
Dazu ist es notwendig, Strukturen zu schaffen, in denen Menschen sich orientieren können und Räume, in denen sie sich zeigen dürfen, sowie Prozesse zu etablieren, die von der Vielfalt profitieren. Führungskräfte, die heute bewusst in Integration investieren, schaffen die Basis für die Unternehmenskultur von morgen. Wo Zugehörigkeit gelebt wird, bleiben Talente, entstehen Vertrauen und Engagement.
Wirkliche Integration ist damit eine Investition in die Zukunft, die Fachkräfte bindet und Organisationen stabil durch den Wandel trägt. Auf diese Weise entstehen lebendige Organisationen und nur diese sind in den aktuellen Zeiten noch zukunftsfähig.
