Das große Missverständnis
12.08.2021

Das große Missverständnis

Unser erster Blog zum Thema Onboarding internationaler Mitarbeiter*innen hat bereits einige allgemeine Themen beleuchtet. In diesem Artikel widmen wir uns dem Thema „Interviews mit internationalen Kandidat*innen“.

Shutterstock.com | metamorworks

Versetzen Sie sich in folgendes Szenario: Das Interview mit Ihrer chinesischen Bewerberin Mailin steht an. Eigentlich reine Routine, schließlich gibt es einen Gesprächsleitfaden und Sie führen ein strukturiertes Interview. Was denken Sie, wie Mailin auf die Frage nach ihrem persönlichen Umgang mit einem Konflikt im Team antworten wird? Wie wird sie ihre Arbeitserfahrung beschreiben? Mit chinesischer Bescheidenheit – also eher zurückhaltend – oder wird sie übertreiben? Und würden Sie es erkennen? Und wie ordnen Sie ihre Antworten im Vergleich zu einer deutschen Bewerberin ein?

Bescheidenheit ist in einem Job-Interview für Mailin nicht unbedingt der entscheidende kulturelle Faktor, sondern eher das Streben nach Harmonie und das positive Aufzeigen der eigenen Fähigkeiten. Also wird sie versuchen, Ihnen Antworten zu geben, von denen sie – ausgehend von ihrer kulturellen Prägung – glaubt, dass Sie diese hören wollen. Oder ausweichen, siehe die Frage nach dem Umgang mit einem Konflikt …

An diesem Beispiel wird offenbar: Job-Interviews mit internationalen Kandidat*innen können sehr herausfordernd sein.

Unser Kommunikationsmuster und damit jede Fragestellung sowie Bewertung der erhaltenen Antwort sind kulturell geprägt. In einem Gespräch zwischen internationalen Partnern kommt nun noch der Faktor „Vermutung“ ins Spiel, was der Andere denn mit der Frage (oder der Antwort) wirklich meinen könnte. Es geht also um den Kontext, der nicht verbal übermittelt wurde.

Um bei Mailin zu bleiben: Für sie sind „kontextunabhängige Fragen“, wie also der „generelle Umgang mit einem Konflikt“ aussehen könnte, nur schwer zu beantworten. Zum einen hat ein Konflikt für sie eine eher negative Konnotation, zum anderen fehlt ihr bei der Frage der Kontext. Also kann sie nur ausweichend antworten, was wahrscheinlich zu einer Interpretation wie „Mailin ist im Vergleich zu Ute äußerst zurückhaltend und wohl sehr konfliktscheu“ führen wird.

Es gäbe noch viele Beispiele aufzuzählen, bei denen die (inter-)kulturellen Unterschiede einen entscheidenden Unterschied für die Bewertung einer Aussage gemacht haben.


Sprechen Sie über die „Unwägbarkeiten“ in Deutschland?

Sprechen Sie im Interview die angespannte Situation auf dem Wohnungsmarkt an? Oder erklären Sie der Bewerberin, wie der Visumsprozess ablaufen wird und wie lange dieser dauern kann? Reden Sie mit dem Bewerber über die Lebenshaltungskosten?

Bei deutschen Kandidat*innen sind solche Themen sicher kein entscheidender Bestandteil eines Job-Interviews. Wir finden, dass sie bei Interviews mit ‚Internationals‘ ein Muss sind. Denn es geht um die Klärung von vielleicht falschen oder unklaren Erwartungen und von Hoffnungen, die mit einem Job in Deutschland verbunden sind.

Wir bei compass hören leider immer mal wieder: „Warum hat mir bei der Bewerbung denn niemand gesagt, wie teuer das Leben in Stuttgart ist und wie schwer es ist, eine schöne Wohnung zu finden? Dann hätte ich mir das nochmal überlegt.“ Diese Enttäuschung kann schnell zur Umorientierung führen.

Schade, denn dieser Wechsel kostet Sie viel Geld und führt zu Imageschäden.


Was ist zu tun?

 

  • Bauen Sie in Ihrem Recruiting-Team interkulturelle Kompetenz auf.
  • Überprüfen Sie Ihre Interviewfragen auf „interkulturelle Tauglichkeit“ und stellen Sie Ihr Bewertungsschema auf den internationalen Prüfstand.
  • Besorgen Sie sich eine „Cost-of-Living-Aufstellung“ Ihrer Region und Stadt. Detaillierte Zahlen dazu gibt es unter anderem bei AIRINC (Link einfügen: www.air-inc.com/services/allowances/cost-of-living-allowance/).
  • Bauen Sie das Thema „Erwartungsabfrage“ in Ihre Interviews mit internationalen Kandidat*innen ein. Das gehört zu Ihrer Fürsorgepflicht oder möchten Sie, dass der gerade rekrutierte Mitarbeiter oder die neue Mitarbeiterin den neuen Job mit einer großen Enttäuschung beginnen?

Sie können auch bei compass anrufen und wir besprechen, wie Ihr Recruitung-Team interkulturell fit wird oder wir kümmern uns um eine aktuelle Aufstellung der Lebenshaltungskosten für Ihre Region.

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