Irgendwie sind die ganz schön anstrengend, die neuen internationalen Kollegen!
18.05.2022

Irgendwie sind die ganz schön anstrengend, die neuen internationalen Kollegen!

Wie Tanja Schlüter und Achim Häberle Pankej und Estrella erleben

 

Nun sind Estrella und Pankej schon drei Monate bei der Solutions for Business AG tätig. Tanja Schlüter ist froh, dass die vakanten Stellen nach einer langen Suche endlich besetzt werden konnten. Achim Häberle als Führungskraft freut sich, dass sein Projektteam nahezu vollzählig ist. Gleichzeitig ist der Aufwand, Estrella und Pankej zu integrieren, größer als er dachte.

 

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Tanja Schlüter war erfreut, dass sie nach einer langen Suche endlich die Stellen der Backend Developerin und zumindest eines Software-Ingenieurs für das Team von Herrn Häberle besetzt werden konnten. Vor allem war die Beantragung der Blauen Karte für Pankej Prateek kompliziert und langwierig. Pankej musste fast acht Worten warten, bis er endlich einen Termin beim Deutschen Konsulat bekam, um sein Visum zu beantragen. Pankej und sie waren im ständigen Kontakt, bis alle Unterlagen zusammengestellt waren. Tanja Schlüter fragte sich, warum er sich denn so wenig darauf vorbereitet hatte, wenn er eine Stelle in Deutschland sucht? Er müsste doch wissen, welche Dokumente notwendig sind. Auch die Kommunikation mit der regionalen Ausländerbehörde war eher frustrierend und alles dauerte sehr lange. Da war die Einstellung von Estrella Alonso als Europäerin doch sehr viel einfacher. Tanja nahm sich vor, künftig bei der Einstellung weiterer internationaler Mitarbeitender darauf zu achten, dass diese besser aus Europa kommen.

Zum Glück hatte sie rasch zwei möblierte Apartments für die ersten Monate buchen können, der Mietpreis von € 1.100,- ist ja sehr günstig. Aber sowohl Pankej als auch Estrella fragten schon in der ersten Woche nach, ob es denn keine günstigere Möglichkeit der Unterbringung gäbe! Estrella konnte nach gut 6 Wochen ein WG-Zimmer für € 650,- finden, und fühlt sich wohl. Aber Pankej ist noch immer sehr mit der Wohnungssuche beschäftigt und beschwert sich, dass die Mieten so hoch seien. Dabei verdient er mit seiner Blauen Karte doch äußerst gut! In der ersten Woche hat sie beide zu einem Banktermin bei der örtlichen Volksbank begleitet – was ja nicht ihre Aufgabe ist – aber der zuständige Berater spricht zu wenig Englisch. Leider muss sie sich nun auch um Überweisungen und ähnliches kümmern, weil weder Estrella noch Pankej mit dem deutschen Online-Banking klarkommen. Ständig sind die beiden bei ihr, um zu besprechen, was alles zu beachten und zu tun ist. So kompliziert hatte sie sich das nicht vorgestellt!

Immerhin sind beide neuen Kollegen sehr nett und freundlich, wenn auch ein bisschen aufdringlich. Ständig fragen sie sie persönliche Dinge, ob sie verheiratet sei, wie groß ihre Familie ist oder was ihre Geschwister tun. All das hat doch am Arbeitsplatz nichts verloren. Und nein, sie möchte keine weiteren Kinder- und Familienbilder von Mitarbeitenden anschauen müssen! Und nein, sie kann sich nicht in ihrer Freizeit um die beiden kümmern – beide fragen sie immer wieder, ob man denn nach Feierabend nicht zusammen essen gehen könne.

Achim Häberle als Teamleiter und Vorgesetzter von Estrella und Pankej ist zufrieden mit den beiden. Von ihrem Fach verstehen sie etwas, sie lernen schnell dazu und sind mit ihrer guten Ausbildung und ihren Kenntnissen eine Bereicherung für sein Team. Herausfordernd ist die Kommunikation im Team, die nun schon seit drei Monate nahezu komplett auf Englisch ablaufen muss. Es gibt erste Kritik von seinen deutschen Mitarbeitenden, die es als anstrengend empfinden, so viel Englisch sprechen zu müssen. Aber Estrella und Pankej sind ja im Sprachkurs und vor allem Estrella versucht, jedes neu gelernte Wort in die Kommunikation einzubringen. Pankej ist noch zurückhaltender. Auch gibt es immer wieder Missverständnisse, weil sich beide sehr zögerlich ausdrücken oder auf direkte Aufforderungen, Feedback zu geben, kaum reagieren. In Meetings bringt sich Estrella etwas mehr ein, aber auch sie scheint immer äußerst erstaunt, wenn die Kolleg*innen Achim Häberle widersprechen oder kritische Anmerkungen machen.

Was ihm auch auffällt ist, dass er sich viel mehr um die Einarbeitung kümmern muss. Es kommen kaum Rückfragen von den beiden, wenn er neue Aufgaben erklärt und folglich davon ausgeht, dass alles verstanden wurde. Dann merkt er jedoch bei der Umsetzung, dass sie doch nicht alles verstanden haben. Warum trauen die sich denn nicht, aktiv auf ihn zuzukommen – er bittet sie doch ständig darum: „fragt, wenn ihr nicht weiterkommt oder etwas nicht wisst“. So verbringt er viel Zeit mit Micromanagement und erklärt Aufgaben Schritt für Schritt und muss sich täglich Zeit für die beiden nehmen.

Vor allem Pankej benötigt außerdem noch viel zusätzliche Zeit, um Behördengänge zu erledigen und für die Wohnungssuche. Er fragt immer wieder bei den Kolleg*innen nach, wie und wo er denn noch suchen kann. Alles sei so unglaublich teuer und auf die meisten Anfragen bekommt er keine Antworten. Nun fragt Herr Häberle schon in seinem Bekanntenkreis und im Verein, wer eventuell eine Wohnung frei hätte.

Ihm fällt auch auf, dass die beiden sehr oft über ihre Familien reden. Estrella hofft, dass ihre Familie sie bald besuchen kann und Pankej findet, dass er seiner Familie nicht länger erklären kann, warum sie noch nicht nachkommen können – dazu brauche er jetzt dringend eine Wohnung! Herr Häberle kann ja verstehen, dass es nicht einfach ist, in einem völlig fremden Land neu zu beginnen, aber er wundert sich auch, wie wenig sich die beiden im Vorfeld über ihr neues Zuhause informiert haben.

Er fragt sich, ob die Besetzung der offenen Stellen mit internationalen Mitarbeitenden tatsächlich eine so gute Idee war. Der größere Aufwand der Einarbeitung, die vielen sehr privaten Themen, die an ihn herangetragen werden und scheinbar viele Missverständnisse in der Kommunikation sind schon eine Herausforderung für sein ganzes Team. Auf der anderen Seite erlebt er eine Kollegin und einen Kollegen, die enorm motiviert, wissbegierig und freundlich sind. Wie das wohl in den nächsten drei Monaten bis zum Ende der sechsmonatigen Probezeit aussieht?

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