Cultural Fit im Recruiting stellt Unternehmen auf die Probe
„Passen wir gut zusammen und teilen wir ähnliche Werte?“ Darum geht es, wenn wir über „Cultural Fit“ sprechen. In vielen Recruiting-Prozessen funktioniert der Begriff jedoch als höflicher Code für möglichst ähnlich, möglichst vertraut und damit möglichst wenig Reibung. Leider wird zudem noch mit den Werten operiert, die auf der Website oder in der Firmenbroschüre propagiert werden. Dabei wird gerne übersehen, dass diese Werte nicht notwendigerweise im Arbeitsalltag gelebt werden. Besonders internationale Kandidat*innen prüfen, ob die versprochenen Werte im Alltag auch wirklich eine Rolle spielen.
Cultural Fit beruht auf Gegenseitigkeit
Wer internationale Kandidat*innen gewinnen will, braucht einen präziseren Blick. Passung entsteht nicht automatisch dort, wo Menschen ähnlich wirken. Passung entsteht dort, wo Erwartungen geklärt sind, Werte klare Orientierung geben und Unterschiede professionell bearbeitet werden.
Viele Unternehmen formulieren Werte sehr überzeugend. Respekt. Offenheit. Teamgeist. Familienfreundlichkeit. Vielfalt. Das klingt gut. Das liest sich gut. Das macht sich gut auf Karriereseiten, in Broschüren und im Leitbild.
Die entscheidende Frage ist eine andere: Wie wirksam sind das Leitbild und die „gedruckten“ Werte eigentlich im Firmenalltag? Geben sie eine echte Orientierung für die Führung, die Zusammenarbeit im Team und in der Entscheidungsfindung? Oder sind sie nur ein kreatives Stück Papier, das im Meetingraum hängt und dort vor allem dekorativ wirkt?
Gerade im internationalen Recruiting wird diese Frage nach dem Cultural Fit sehr schnell konkret. Denn internationale Kandidat*innen prüfen eine mögliche Passung für sich sehr genau. Ein Umzug in ein meist völlig fremdes Land betrifft weit mehr als einen nächsten Karriereschritt. Es geht um längerfristige Stabilität, Zugehörigkeit, Perspektiven und meistens auch um Verantwortung für Menschen im Heimatland. Wer in diesem Kontext von Cultural Fit spricht, sollte deshalb sehr genau wissen, was damit eigentlich gemeint ist.
Gleicher Wert, andere Bedeutung
Ein Punkt wird regelmäßig unterschätzt. Werte klingen bekannt und bedeuten im Alltag trotzdem für jeden etwas Unterschiedliches.
Nehmen wir den Wert „Familie“. Fast jede Organisation und fast jede/r Recruiter*in würde sagen, dass Familie oder Familienorientierung wichtig ist. Die meisten Bewerber*innen ebenfalls. Auf den ersten Blick wirkt das wie eine klare gemeinsame Basis. In der Praxis beginnt genau hier die eigentliche Übersetzungsarbeit.
Was heißt Familie konkret?
Für manche geht es um Partner*in und eigene Kinder. Für andere gehören Eltern, Geschwister, Großeltern, Nichten, Neffen, Tanten, Onkel und weiter entfernte Verwandte ganz selbstverständlich dazu.
Für manche ist Familie vor allem emotional wichtig. Für andere bedeutet Familie sehr konkrete emotionale und finanzielle Verantwortung, auch über Landesgrenzen hinweg.
Gerade bei internationalen Kandidat*innen spielen diese Unterschiede eine große Rolle. Der Job in Deutschland ist dann nur ein Teil einer sehr viel größeren Realität. Das Gehalt muss sowohl für das Leben in Deutschland als auch für die Familie im Heimatland ausreichen. Deshalb achten viele darauf, dass der neue Arbeitgeber Verlässlichkeit ausstrahlt. Wer hier nur mit dem eigenen kulturellen Verständnis auf Passung schaut, läuft schnell in Missverständnisse hinein. Wer kultursensibel hinschaut, erkennt, dass hinter demselben Wort sehr unterschiedliche Erwartungen, Loyalitäten und Entscheidungslogiken stehen können. Nur wird selten so konkret darüber in einem Jobinterview gesprochen.
Natürlich darf man nach Werten fragen
Ich höre immer wieder den Einwand: „Nach Werten kann man Bewerber*innen doch kaum fragen. Da kommen doch nur Plattitüden.“ Doch, genau das sollte man tun. Die eigentliche Kunst liegt in der Fragestellung. Abstrakte Wertedebatten produzieren in der Regel glatte Antworten. Spannend wird es dort, wo Werte in Verhalten übersetzt werden. Also dort, wo sichtbar wird, wie jemand Führung erlebt, Zugehörigkeit versteht, Loyalität einordnet oder Entscheidungen trifft.
Hilfreich sind Fragen wie:
- Woran merken Sie, dass Sie in einem Team wirklich dazugehören?
- Was brauchen Sie von einer Führungskraft, um gut arbeiten zu können?
- Welche Rahmenbedingungen müssen gegeben sein, damit ein Wechsel langfristig tragfähig ist?
- Welche Rolle spielt Ihr familiäres Umfeld bei Ihrer Entscheidung?
Solche Fragen schaffen Klarheit. Und genau diese Klarheit braucht internationales Recruiting. Denn Kommunikation, Selbstpräsentation, Loyalität, Hierarchie und Erwartungshaltungen sind kulturell geprägt und werden schnell falsch interpretiert, wenn Unternehmen nur durch die eigene Brille schauen.
Stauben Sie Ihr Leitbild mal wieder ab
Auch im internationalen Recruiting lohnt der Blick auf das Leitbild oder auf die Werte, die auf fast jeder Website zu finden sind. Ein Leitbild und seine Werte sind wirksam, wenn sie das Verhalten im Unternehmen prägen. Werte sind wirksam, wenn sich Führungskräfte daran messen lassen. Ein Leitbild mit seinen Werten ist dann wirksam, wenn neue Mitarbeitende daran erkennen, wie dieses Unternehmen tatsächlich mit Menschen umgeht.
An ein paar Beispielen wird deutlich, was im Verhalten anders wird:
- Respekt zeigt sich daran, wie Feedback gegeben wird.
- Offenheit zeigt sich daran, ob Unterschiede angesprochen und sichtbar werden dürfen.
- Teamgeist zeigt sich daran, ob neue Kolleg*innen wirklich Anschluss finden.
- Familienfreundlichkeit zeigt sich daran, ob Lebensrealitäten ernst genommen werden.
- Willkommenskultur zeigt sich daran, ob Integration als langfristige Führungsaufgabe verstanden wird.
Fragen Sie also danach, worauf die Bewerber*innen im Umgang mit ihnen Wert legen. Bitten Sie um konkrete Beispiele aus ihrem Heimatland, mit denen das illustriert werden kann. Und matchen Sie dann die Aussagen mit der tatsächlichen Erlebniswelt in Ihrem Unternehmen.
Wie Sie Cultural Fit im Recruiting wirksam nutzen
Damit das wirklich funktioniert, brauchen Sie Antworten auf folgende Fragen:
- Welche Rolle spielt Ihr Leitbild im Alltag Ihrer Führungskräfte und Teams?
- Welche Werte prüfen Sie im Recruiting aktiv und wie machen Sie diese im Gespräch greifbar?
- Woran erkennen Sie und vor allem internationale Bewerber*innen in Ihrem Unternehmen, dass Werte wirklich gelebt werden?
- Wo erleben Sie die größte Lücke zwischen formulierten Werten und gelebter Praxis?
Cultural Fit ist also kein Test für Bewerber*innen allein. Cultural Fit stellt auch immer das Unternehmen auf den Prüfstand. Wie klar sind unsere Werte? Wie sichtbar sind sie im Alltag? Wie wirksam ist eigentlich unser Leitbild? Und wie ernst meinen wir Zugehörigkeit und Offenheit, wenn Menschen andere Erfahrungen, andere Perspektiven und andere kulturelle Prägungen mitbringen?
Unternehmen, die internationale Kandidat*innen gewinnen und halten wollen, benötigen mehr als korrekt formulierte Werte. Sie benötigen ein Leitbild, das Orientierung gibt, Führung prägt und im Alltag standhält.
Cultural Fit wird dann sinnvoll, wenn er nach gelebter Kultur fragt.
